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Filmabend in Rapla – Gerhard Richter

10.04.2019 18:00

Filmabend in Rapla – Gerhard Richter

Details

Zeit: 10.04.2019 18:00
Veranstaltungsort: Rapla

Ticket Info

Eintritt frei

Veranstalter

Raplamaa Kaasaegse Kunsti Keskus

In Gerhard Richters Atelier „Hahnwald” in Köln. Der Maler kämpft mit den Tücken eines Stativs, dann richtet er eine Kamera ein, auf ein grau übermaltes Bild. Mit einem Rakel bearbeitet er ein zweites Bild. Mitarbeiter fotografieren Arbeiten ihres Meisters. „Bleibt das jetzt so?”, fragt die Filmemacherin aus dem Off. „Ich vermute”, anwortet einer der Assistenten. Sicher ist das nicht; von Anfang an ist klar, dass der Entstehungsprozess von Richters Werken, die alle so spontan und zufällig wirken, das Ergebnis eines langwierigen Suchens und Erprobens sind. Der Maler weist auf zwei Bilder: Sie hätten sich verändert, erklärt er. „Ich hatte sie ganz anders angelegt!”

Auch die Vorbereitungen für Ausstellungen zeugen von Richters Akribie. In seinem Atelier hat er kleine Modelle der Galerien aufgebaut, in denen seine Bilder gezeigt werden sollen; die Marian-Goodman-Gallery in New York, die Tate Modern in London, das Centre Pompidou oder die Neue Nationalgalerie in Berlin als eine Art Puppenstube, in der er mit kleinen Fotografien die Anordnung seiner Arbeiten in den entsprechenden Räumen testet.

Zu den Höhepunkten des Films zählen die Aufnahmen, die die fast gleichzeitige Entstehung von zwei gegenstandslosen Bildern beobachten. Vor zwei großen Leinwänden stehen zwei Trittleitern; Richter beginnt, mit einem Rakel gelbe Farbe aufzutragen, um sie dann blau und rot zu überstreichen. Die noch nassen Farben mischen sich, unterschiedliche Farbtöne, Schattierungen und Muster entstehen. Richter geht von der ersten zur zweiten Leinwand und wieder zurück, immer wieder trägt er neue Farbe auf und schabt dabei einen Teil der alten ab. Er ist nicht zufrieden, aber er lächelt und gesteht: „Schwierig!” Er fügt hinzu: „Man müsste einen Weg finden – frei und lustig, aber die Bilder müssten trotzdem gut sein!” Er sorgt sich, dass die Bilder „nicht lange halten” könnten. Das zweite gefällt ihm besser. „Warum?”, hört man die Filmemacherin, die sich von Anfang bis Ende nie vor die Kamera drängt, aus dem Hintergrund fragen. Das zweite sei offener, heiterer, erklärt der Meister. Und, das gehört zu den wunderbaren Momenten dieses Films, seine Antwort ist instinktiv, oder intuitiv, nachvollziehbar. Corinna Belz fragt nicht „akademisch”, sie stört Richter auch niemals während des Malens, der Zuschauer spürt, wie viel gegenseitiges Vertrauen diesen Film erst ermöglicht hat – bis hin zu dem Moment, in dem Richter erzählt, dass er seine Eltern nach der Flucht aus der DDR nie mehr sehen konnte. Er versucht, zu lächeln – doch man sieht, wie nahe ihm dieses „Geständnis” geht.

Viele elektronisch-digital gedrehten Dokumentarfilme leiden heute an einem profunden Mangel an Struktur; das Material in der Kamera kostet praktisch nichts mehr, deshalb werden endlose Stunden verdreht, bis sich die Fülle der aufgezeichneten Bilder bei der Montage nicht mehr bewältigen läßt. Corinna Belz hat auch dieses Problem souverän gelöst. Ihr Film hat eine wunderbar klare Dramaturgie. Dazu gehören Ausschnitte aus historischen TV-Interviews (1966, 1969, 1976) mit Gerhard Richter, aber auch die leitmotivisch eingesetzten Kamerafahrten parallel zu den Wänden in Richters Atelier, an denen Bilder und Fotografien hängen. Auch die kleinen Vernissage-Sequenzen, von Köln über Paris und London bis nach New York, gehören zu den strukturierenden Elementen des Films – aber sie dienen eben niemals nur als Zwischenschnitte, sie erzählen auch etwas über Gerhard Richter, der sich nicht wohl fühlt, wenn er vor die zahlreichen Vertretern der jeweiligen Schickeria treten muss; er wirkt scheu, aber niemals arrogant. Er ist sich des Problems voll bewußt, seine Malerei verbal zu erklären, denn: „Malen ist eine andere Form des Denkens.” Und er gesteht seine Probleme mit der Präsenz der Kamera, er fühlt sich beobachtet, doch das Malen sei für ihn eine „heimliche Angelegenheit”. Schade nur, dass man von den früheren, gegenständlichen, Bildern Richters nur einen flüchtigen Eindruck bekommt – anläßlich seiner Porträt-Ausstellung in London. Am Ende sieht man ihn wieder vor einer riesigen, weißgrauen Leinwand. Der Künstler, der mit seinem Rakel auch körperliche Schwerarbeit zu verrichten scheint, wirkt plötzlich wie eine Art Sisyphus. Unerwartet kommen gelbe Farbspuren unter dem Weißgrau hervor. Richter erklärt: „Mann, macht das Spaß!”

Corinna Belz

Geboren 1955 in Marburg (Lahn). Sie studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medienwissenschaft in Köln, Zürich und Berlin. Als Autorin, Regisseurin und Produzentin war sie an zahlreichen Film- und TV-Produktionen beteiligt. Ihr erster Film über Gerhard Richter, DAS KÖLNER DOMFENSTER, wurde mit dem „World Media Gold Award – Art Documentaries” ausgezeichnet.